Powerfrauen-Interview 02:  Jean & Petra * Die Sache mit dem Pflegenotstand *

Das Thema Pflegenotstand ist präsenter als je zuvor und auch bei mir selbst in der Familie nimmt es gerade einen sehr umfassenden Bereich ein. Als Angehörige und Begleiterin bei meinem Papa, bei Käthe und meiner Schwiegermutter habe ich viele Stunden in Krankenhäusern auf diversen Stationen verbracht und so hautnah mitbekommen, wie engagiert hier gearbeitet wird.

Über Instagram kenne ich schon länger zwei Frauen, die in der Pflege arbeiten, ihren Job lieben und trotzdem oder wahrscheinlich genau deshalb oft an ihre Grenzen stoßen.

Wir haben uns virtuell zum Gespräch getroffen und eine gute Unterhaltung zwischen Angehörigen und Pflegenden geführt.

Petra und Jean

Hallo ihr beiden, schön, dass ihr da seid. Stellt ihr euch bitte kurz vor.

Petra Hallo, mein Name ist Petra und ich bin 53 Jahre alt. Ich habe 1986 das Examen zur Krankenschwester gemacht. Anschließend habe ich mehrere verschiedene Einrichtungen durchlaufen, weil es mir sehr wichtig war vielfältige Einblicke und Kompetenzen zu erwerben.

Bedingt durch die Geburt meiner 3 Kinder hatte ich dann einige Jahre Berufspause. 2008 begann ich die Tätigkeit in einem Altenheim. Mittlerweile bin ich dort Wohnbereichsleitung.

Powerfraueninterview 02 auf diealltagsfeierin.de Petra und die Sache mit dem Pflegenotstand

Fotocredit: Petra

Jean Ich bin die Jeannine, 46 und seit 2015 Kinderkrankenschwester.

Ich wollte schon immer in die Pflege, aber aus verschiedenen Gründen konnte ich erst sehr spät meinen Traum verwirklichen.

Powerfraueninterview 02 auf diealltagsfeierin.de Jean und die Sache mit dem Pflegenotstand

Fotocredit Jean

Wie war es denn bei dir, Petra? Wie bist du darauf gekommen, Krankenschwester zu werden?

Petra Es war schon immer mein Wunsch Krankenschwester zu werden. Meinen ersten Arztkoffer bekam ich im Alter von 4 Jahren geschenkt. Mein erstes Praktikum im Krankenhaus absolvierte ich mit 15 Jahren. Es gab keinen anderen Berufswunsch für mich.

Und wie hast du deine Ausbildung empfunden, Petra?

Petra Meine Ausbildungsjahre waren wunderbar. Patientennähe wurde ganz großgeschrieben. Wir haben uns bemüht und beinahe einen Wettbewerb geleistet, wer die intensivste Pflege durchführt und wer die meiste Anerkennung bei der Stationsschwester erlangt.

Wie war es denn bei dir, Jean?

Jean: Ich habe einen Bruder. Er ist 7 Jahre jünger und hat 20 Jahre mehr Berufserfahrung in seinem Job als Krankenpfleger als ich. Seine Wahrnehmung bezüglich der damaligen Ausbildung deckt sich sehr mit der von Petra.

Von seinen Erfahrungen weiß ich, dass er zu Beginn seiner Ausbildung noch wirklich Zeit für die Pflege hatte. Er konnte dem Patienten mit allen seinen Bedürfnissen gerecht werden und vor allem so pflegen, wie man auch selbst gepflegt werden möchte.

Meine Ausbildung im Vergleich zu der meines Bruders war definitiv anders. Damals hatte man kaum mehr Zeit für den Patienten.

Als Schüler konnte man die Ausbildung noch mehr genießen, wurde weniger ins kalte Wasser geworfen, denn heute müssen Schüler ja im schlimmsten Fall eine Fachkraft ersetzen.

Auch im theoretischen Unterricht war der Fokus mehr auf Krankheitslehre und Anatomie, heute kommen noch viele andere Dinge wie Pflegewissenschaften etc. dazu.

Selbst das Examen war anders. Viele Multiple Choice Aufgaben, und wieder viel Anatomie und Krankheitslehre.

Heute sind die Examen da ganz anders. Mit Fallbeispielen, Diagnosestellung, Pflegewissenschaften, Rechtliches und Umwelt.

Wie kam es denn zum drastischen Wandel in der Pflege und zum Pflegenotstand?

Petra Darüber denke ich ganz viel nach: Gab es Pflegenotstand nicht schon immer? Waren wir nicht schon vor 20 Jahren unterbesetzt und haben mit denselben Problemen gekämpft?

Waren wir damals anders, irgendwie aufopfernder? War es früher das Bild der Krankenschwester, die immer da ist, der nichts zu viel ist und die sowieso kein Privatleben hat?

Ehrlich, manchmal ertappe ich mich bei diesen Verhaltensmustern. Ich springe ein, ich tausche den Dienst.

Das ist es aber nicht nur. Die Altenpflege ist sehr viel komplexer geworden. Wir müssen Angehörigenarbeit leisten, den Arzt unterstützen, medizinisch absolut wissend sein.

Was sich so alles geändert hat

Jean Ja, das empfinde ich auch so, wahrscheinlich gerade weil die Medizin technisch und know-how-mäßig auf dem Vormarsch ist.

Während der Patient die neueste Art der Narkose und die beste OP Technik genießen darf, mit einer so kurzen OP Zeit, die früher undenkbar gewesen wäre, beginnt danach oft das Drama:

 Zu viele Patienten, kaum Personal, ich kann nicht mehr pflegen, sondern fühle mich wie an einem Fließband.

Petra Dazu kommt noch, dass wir heute medizinisch sehr anspruchsvolle Bewohner haben. Angehörige, die sich natürlich sorgen, aber dadurch auch einen großen Teil der Zeit in Anspruch nehmen. Ärzte, die sich auf unser Urteil verlassen und ja-  manchmal auch  Lösungen von uns sehr gerne annehmen.

 Jean Das Schlimme daran: Es ist der Mensch, der auf der Strecke bleibt.

„Schwester können Sie? Schwester bitte…“

Der alte Mensch in seinem Bett, hilflos und schwach… seine Hände gezeichnet von den Taten, von den Dingen, die ihm das Leben zugemutet hat, auf mich angewiesen.

Und ich? Habe die Zeit im Nacken, die mich fast erdrückt.

„Ich komme gleich ..“ Und „gleich“ könnte auch „in den nächsten 40 Minuten schaffe ich es nicht” bedeuten.

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Fotocredit: Petra

Keiner mag sich dieser Belastung mehr aussetzen

Petra Genau, diese Situation schreckt viel junge Mitarbeiter oder Auszubildende ab. Oft erlebe ich die Situation, dass Schüler lieber nach dem ersten Ausbildungsjahr zum Pflegeassistenten aufhören statt die dreijährige Ausbildung zu machen. „Nein, das ist mir zu viel Stress, wenn ich sehe, wie ihr arbeitet!”  Ich kann es ihnen nicht verdenken.

Jean Gerade Kinder und alte Menschen sind bedürftiger.

Nicht materiell  –  nein, sie brauchen mich, um die täglichen Aktivitäten wie waschen, essen, aufstehen…durchführen zu können.

Hinzu kommen Heimweh oder Angst.

Petra Genau, auch hierfür benötigen wir entsprechendes Personal – mehr Personal!  Ich spreche nicht nur von Fachkräften, auch die Pflegeassistenten, denn auch diese tragen ein hohes Maß an Verantwortung. Die Verantwortung des Beobachtens und Weiterleitens.

Ein Fokus MUSS auf der Ausbildung liegen! Denn das Wichtigste, um dieses Problem  zu lösen, ist die Betreuung während der Ausbildung. Die Angst zu nehmen vor den Tätigkeiten einer Fachkraft. Das Selbstbewusstsein zu stärken.

Jean Genau, generell mehr Schüler ausbilden, aber auch Müttern die Schichten so anzupassen, dass Beruf und Familie unter einen Hut gebracht werden kann. Mehr Gehalt, um auch als Alleinerziehender eine Familie ernähren zu können.

Petra Ja genau, nur dann kämen wir auch wieder in die Lage, ausreichend Personal zur Verfügung zu haben und nicht immer am Limit zu planen.

Ein einheitlicher Personalschlüssel, den ist in Deutschland leider noch immer nicht gibt, und bessere Verdienstmöglichkeiten sind mehr als notwendig.

All die Versprechungen von Hrn. Spahn, Personal aufzustocken, sind schlichtweg lachhaft. Die versprochenen Spahn-Stellen gibt es nur bei Erfüllung der Fachkraftquote, aber genau hier ist ja der Notstand.

Das bessere Morgen der Pflege

Jean Ich träume uns mal eine bessere Zukunft zusammen. Das Morgen der Pflege:  Dort gibt es genug Betten für Patienten in einem Krankenhaus mit genug Personal.

Ich sehe helle, große Gänge mit einem bunten, aber entspannten Treiben.

Schüler haben Mentoren, die sie durch die Ausbildung begleiten, dürfen Fragen stellen und haben genug Möglichkeit zu üben.

Jede Pflegekraft hat nur ein paar Patienten, die sie mit ausreichend Zeit pflegen und auch betreuen kann.

Ich kann dem Kind mit Heimweh am Abend eine Geschichte vorlesen, weil ich die Zeit dazu habe.

Ich kann mich zu dem alten Herrn ans Bett setzen, weil er Angst vor der Zukunft hat, weil er seit dem Tod seiner Frau allein ist, weil er unser Land wieder mit aufgebaut hat und weil er eben nun niemanden mehr hat …

Und auch für ein würdevolles Sterben ist endlich wieder Zeit. Keiner ist allein, wenn er nicht allein sein möchte!

Es gibt verschiedenen Schichtmodelle: Jede Station passt das je nach Einrichtung auf sich und auf die Bedürfnisse der Mitarbeiter an.

Die Mutter mit den 2 Kindern zum Beispiel: Sie kommt jeden Morgen um 8 Uhr, nachdem sie die Kleinen in die klinikeigene Kita gebracht hat. Wenn sie Feierabend hat, nimmt sie ihre Kinder wieder mit nach Hause.

Mitarbeiter gibt es genug, sie bleiben und brennen nicht aus, denn sie sind hier glücklich.

Manchmal wünsche ich mir als Pflegezukunft ein bisschen eine Mischung aus Soap und Realität.

Und diese Gedanken daran fühlen sich gut an.

Ein bisschen Schwarzwaldklinik, Scrubs und Grey’s  gemischt mit unserem alltäglichen Wahnsinn, na, wie klingt das?

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Fotocredit: Jean

Dankeschön

Ich finde das klingt ganz wunderbar und ich danke euch sehr für dieses Gespräch und euren unermüdlichen Einsatz, Missstände anzusprechen, aufzudecken, aber auch Vorschläge zu machen und aktiv dazu beizutragen, dass sich  etwas ändern kann.

Lieber Herr Spahn, wie wäre es denn, wenn Sie sich mal einen Stab aus den aktiven Pflegekräften zusammenstellen würden, um so konkret neue Arbeitsmodelle zu entwickeln, welche die Pflege menschlich halten und machen, ohne dass die Pflegekräfte selbst ihre Gesundheit aufs Spiel setzen ?

Ich möchte auch nochmal an alle da draußen ein riesengroßes Dankeschön dalassen, die sich so gut um ihre Mitmenschen kümmern und am Gedanken der Menschlichkeit festhalten.

Denn genau das habe ich die letzten Monate als Angehörige ganz oft selbst erfahren und oft auch sehr bewundernd in den diversen Klinken, die ich so besucht habe, immer noch spüren können: dass sich Pflegekräfte leidenschaftlich und liebevoll um erkrankte oder alte Menschen kümmern, obwohl die Herausforderungen mehr als groß sind.

Hab eine schöne Wochenmitte!

Mittwochsfeierliche Grüß

Jean, Petra und Bettina

P.S. Petra findest du auf Instagram unter @peetsches und Jean auf ihrem Blog “Pflegeflow” und auch auf Insta unter @einfach.jean

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